Bonjour, ça va!

Tanger - Asilah - Ksar el Kebir - Sidi Kacem - Fès - Bhalil - Boulemane - Zaīda - Midelt - Errachidia - Goumima - Skoura - Hoher Atlas - Demnate - Sidi Rahel - Marrakesch - das Gehen im täglichen Elfenbeinturm versinkt - leicht entfacht sich ein Etwas im Fremden

Bonjour, ça va!

Oui, ça va!

Hundertmal werden wir so begrüsst. Wir sind tatsächlich da! Afrikanische Menschen im September. Ankuft in Tanger. Es ist ein ungewohnter Anfang. Ich zeichne und sehe, dass um unser Hotel die Leute auf Karton und Decken auf dem Boden leben.

Bald werden wir dankbar für Schatten und aufmerksam für Leute, die jeden Schatten nutzen: Bäume, Mauern, Felsnischen, Reklametafeln, stehende Autos.

Ein mit zwei Eseln pflügender Bauer und am Horizont Traktoren, das Berberzelt mit Plastik und Jeans als Zelthaut, die junge Frau, die unsere Wasserflasche nimmt - junge und alte Männer, Frauen und Kinder sitzen, stehen, warten. Wir sehen das, aber wie die Ereignisse im Kontext des Landes zu lesen sind, erschliesst sich uns noch nicht. Wir haben grosses Glück. Wir lernen viele Menschen kennen, die uns einen Blick in eine neue Welt schenken.

Verändert sich das Malen in der weiten, kargen Landschaft? Tage in Begleitung der Steine, der Trockenheit, der Sonne und dem Zauber der Facetten von Braun. Ich finde mein Malprogramm: Immer gilt das Fragment, immer die Abstraktion. Konkretes dient der Orientierung, ist homage an die Vielgestalt der Realität: kurz Agave, Palme, Mauer sein.

In einer Kleinstadt fragen wir nach einer Unterkunft. Schnell springt ein Mann auf sein winziges Fahrrad und führt uns. Er trampelt wild, als ginge es um sein Leben. Wir rasen durch die abendliche Stadt. Rauch auf den Strassen, zerbeulte Lastwagen, dichtes Zusammenstehen der Leute, dann weite Plätze mit Plastik und Früchte, überall Früchte. Wir geben ihm 20 Dhiram, das sind 2 € und der Mann lacht über den unerwarteten Lohn. Wir lernen den Erfindungsreichtum selbsterschaffender Dienstleistungen kennen. Sobald wir suchend stehen bleiben, kommt das Angebot der Hilfe. Wenn wir dann über das Angebot ins Gespräch kommen, wird die Möglichkeit auf ein Geschäft lachend zurück gezogen und verliert völlig an Wichtigkeit. Alles klar! Ihr auf dem Fahrrad auf der Fahrt nach Senegal könnt keine wunderschöne, kleine handgemachte Lampe mitnehmen. Handschlag und - bonne route!

Einkaufen auf marokkanisch: 4 Äpfel bezahlt und 7 bekommen. Zelten auf marokkanisch: Warum wollt ihr bezahlen? Der Platz ist doch ganz leer, der gehört euch.

adventure groups, schwere Motorräder auf einer Strasse, von der ein Hirte mit Steinwürfen seine Schafe und Ziegen vertreibt.

Wir suchen mittags nach Brot auf einem Dorfmarkt un die abgehackten Beine von Schafen liegen am Boden zwischen Gemüsekisten. Darüber schaukeln Kuhköpfe, an ihrer Seite hängen die Leiber zu den Beinen, fein säuberlich in Plastik eingewickelt. Wir sind in den Bergen und werden umringt von Kindern. Wir raten uns schleunigst, mit der Sonne im Gesicht und berberisch in den Ohren, die europäische Brille wegzulegen. Aber was heisst das denn? Und wie soll das gehen? Schauen ohne Wertung ohne Einordnung.

Wir kommen in die Altstadt von Fès. In den engen Gassen, zwischen verschiedenartigsten Verkaufsständen, Menschen und Karren bahnen wir uns mit den Fahrrädern den Weg. Unser Glück ist ein Esel. Hinter ihm kommen wir gut durch das Gewühl. Dann eine Stadtführung, die vielversprechend beginnt: Wir gehen quer durch die Medina, hören Allgemeines zur Stadtgeschichte, kommen durch ihn in verschiedene Werkstätten, sind eingehüllt in Zedernduft, Mehlstaub und Maschinenöl. Und jetzt kommt es klassich! Ein Teppichgeschäft. Zuerst spricht uns der Händler mit Schwester und Bruder an, klatscht in die Hände und wie von Zauberhand wird Tee serviert. Wie Wurfgeschosse rollen sich die Teppiche vor uns aus. Wir stehen im Wurfwind und in einer Vielfalt von Mustern, Farben und Webstilen. Schwester wähl aus! Geht nicht, wir haben kein Zuhause. Macht nichts, wir schicken ihn trotzdem! Bruder, wieviel ist dir ein Geschenk für Madame wert? … Bruder und Schwester sind belämmert und finden knapp den Ausgang ohne Kaufvertrag.

Wir fahren auf einer wenig befahrenen Strasse, die uns auf 2000m führt. Ein heftiger Wind begleitet uns.. Ein Auto kommt uns blinkend entgegen und der Fahrer rät uns, umzukehren. Er warnt uns vor dem aufkommenden Sandsturm. Der Himmel ist orangerot, der mitgetragene Sand ist inzwischen hart auf der Haut zu spüren und wir sehen wenig. Trotzdem versuchen wir die Weiterfahrt. Doch bald können wir im böigen Sandsturm die Fahrräder kaum aufrecht halten. Unmittelbar biegen wir von der Strasse ab und zelten zwischen niedrigen Bäumen. Wir haben Sand zwischen den Zähnen und liegen geschützt und ruhig unter den Sandböen.

Die Berglinien des Hohen Atlas staffeln sich weit hintereinander, Brauntöne von links nach rechts und herrliche Blicke. Hochoben hängen burgundrote Häuser mit schwarzen Fensteröffnungen, tief und weit unten liegen Dörfer, nur auf unglaublich steilen, sandroten Pisten erreichbar. Die wenigen Kleinbusse sind an Steigungen nicht viel schneller als wir, schief vor Ladung kriechen sie russend an uns vorbei. Auf den Bussen sitzen Leute, die uns winken und bon courage rufen. Die Strassen haben Löcher, der Teerbelag ist oft weggeschwemmt und die Hänge fallen schroff ab.

Shoukran, das Wort für Danke, reicht bei Weitem nicht aus, für all die Erlebnisse und Eindrücke, die wir mit Menschen und Land erlebt haben.

Achim Schroeteler